Portfolios im Modellstudiengang Medizin der RWTH Aachen
Portfolios und ihre elektronische Variante ePortfolios sind unter dem Stichwort lebenslanges Lernen ein hoch gehandeltes Thema in aktuellen Bildungsdiskussionen. Lisa Thomann hat sich in Ihrer Doktorarbeit am Institut für Medizinische Informatik des Universitätsklinikums Aachen mit dem Thema befasst und ihre Ergebnisse kürzlich in einem Kolloquium vorgestellt.
Für die Arbeit mit dem Titel “Portfolio im Modellstudiengang Medizin der RWTH Aachen – Intention bei Einführung, Statusanalyse und Ermittlung der studentischen Anforderungen zur Implementierung eines elektronischen Portfolios” hat Thomann Interviews mit Dozierenden geführt und in einer Online-Umfrage Studierende befragt, um zum einen den Erfolg des bestehenden papierbasierten Portfolios des Modellstudiengangs Medizin zu untersuchen und zum anderen auf Basis der studentischen Bedürfnisse Modifikationen dafür vorzuschlagen sowie Anforderungen an ein noch einzuführendes ePortfolio-System zu entwickeln.
In ihrem Vortrag stellte Thomann zunächst verschiedene (e)Portfoliotypen, deren Anwendungsgebiete, den Erstellungsprozess eines Portfolios und die Vor- und Nachteile eines elektronischen gegenüber einem herkömmlichen Portfolio vor. Anschließend beschrieb sie Einbettung und Ziel der Portfolios im Modellstudiengang Medizin. Funktion der Portfolios sollte hier sein, als Organisationshilfe die verschiedenen Aktivitäten der Studierenden zu dokumentieren und dadurch die Kontrolle des persönlichen Studienfortschritts zu ermöglichen, die Reflexion des eigenen Handelns inklusive der individuellen Lernstrategien anzuregen, ihre Eigenverantwortung zu stärken und ihr (selbst-)kritisches Denken zu fördern, den Modellstudiengang selbst aktiv mitzugestalten, Softskills zu entwickeln und die Studierenden auf das lebenslange Lernen vorzubereiten. Mentoren sollten außerdem beim Umgang mit den Portfolios helfen.
Nach diesen Vorarbeiten führte Thomann strukturierte Interviews mit dem Modellstudiengangsleiter und dem Jahrgangskoordinator des 1. Studienjahres, um herauszufinden, ob die Zielvorgaben aus ihrer Sicht erreicht wurden. Im Vergleich zum Soll-Zustand ergab sich hieraus, dass die Studierenden mangels einer Einführungsveranstaltung zu wenig über Sinn und Zweck der Portfolios informiert waren und wohl auch dadurch die Portfolios mehr als Organisationstool und Werkzeug zur Veranstaltungsbeurteilung denn als Anstoß zur Reflexion des eigenen Tuns genutzt wurden. Es wurde eher in der Gruppe über die Veranstaltung kommuniziert und diese bewertet als dass sich die Studierenden mit ihrem eigenen Lernen auseinandersetzten. Akademische Mentoren, die Hilfestellungen hätten geben können, gab es entgegen der ursprünglichen Planung keine, persönliche Betreuungsangebote wurden nur von “Problemfällen”, aber nicht in der Breite genutzt.
Abgefragt wurden außerdem die Einstellungen zu Portfolio und ePortfolio. Dabei wurden als Vorteile des ePortfolios die stets mögliche Aktualisierung und die mögliche Einbindung weiterer Funktionen genannt. Außerdem sei ein solches System gegenüber dem arbeitsaufwendigen und kostenintensiven papierbasierten Portfolio zeitgemäßer durch die Einbindung von IT. Als Nachteile des ePortfolios wurden angegeben, dass es vergleichsweise abstrakt bleibe und elektronische Leistungsnachweise derzeit nicht anerkannt würden.
In einer quantitative und qualitative Befragungsmethoden kombinierenden Online-Umfrage unter Studierenden des 4. Semesters Humanmedizin (n=234) versuchte Thomann anschließend herauszufinden, wie die Studierenden die Arbeit mit dem Portfolio beurteilten und welche Anforderungen sie an ein (e)Portfolio hätten. Auch die Studierenden sahen dabei das bestehende Portfolio überwiegend als Organisationswerkzeug und Möglichkeit, Scheine und Zertifikate gebündelt abzulegen. Nur ein kleiner Teil der Befragten verband das Portfolio mit Dingen wie lebenslanges Lernen, Förderung der Lernkompetenz oder Setzen und Erreichen von Lernzielen. Hier kommt zum Tragen, dass vielen Studierenden der Sinn eines Portfolios und ebenso die im Modellstudiengang damit verbundene Zielsetzung nicht ausreichend bekannt war. Trotz dieses Informationsdefizits hielten annähernd zwei Drittel der Befragten das bestehende Portfolio für nützlich.
Passend zu diesem Bild nannten die Studierenden, befragt nach den persönlichen Anforderungen an ein ePortfolio, mit großer Mehrheit das Sammeln, Organisieren und Selektieren von Lernmaterial und das Planen. Etwa die Hälfte wünschte Feedback durch Mentoren, 45% Kommentarmöglichkeiten für Kommilitonen, ebenso viele das Setzen von Zielen, etwa 42% nannten die Möglichkeit zur Reflexion des eigenen Lernens als Anforderung. Nur ein Drittel wünschte sich die Möglichkeit, das gesammelte Material zur Präsentation für Dritte – v.a. bei Bewerbungen – nutzen oder das Portfolio mit Web-2.0-Plattformen wie bspw. Blogs vernetzen zu können. Gerade dieser in Diskussionen um die Zukunft der Lehre so häufig zu findende Punkt der Öffnung nach außen wurde häufiger neutral gesehen, der Punkt der Vernetzung sogar häufiger abgelehnt. Hier kann man vermuten, dass die Nutzung für das berufliche Vorankommen noch naheliegt, eher privat genutzte Blogs und Social Communities aber nicht als der geeignete Ort für die Präsentation eines Portfolios angesehen werden.
Das ePortfolio sollte, so die Studierenden, gut strukturiert, einfach und schnell zu bedienen und informativ sein bei einem Zeitaufwand von maximal 1 Stunde pro Woche für die Pflege. Wichtig waren den Studierenden auch die Programmstabilität und Datensicherheit, verbunden mit dem Wunsch nach offiziell gültigen eDokumenten. Wichtig war ihnen vor allem, dass die unterschiedlichen Inhalte und Dokumentformate integrierbar sind, damit das Portfolio aktuell und vollständig ist.
Vervollständigt wird Thomanns Arbeit durch einige, der einschlägigen Literatur entnommene und auf die Situation des Modellstudiengangs an der RWTH Aachen angepasste Anregungen, wie eine Strategie zur Einführung eines ePortfolio aussehen sollte.
Thomanns Studie zeigt aus unserer Sicht, wie wichtig es ist, Studierende nicht einfach weitgehend unkommentiert mit neuen didaktischen Elementen und/oder neuer Technik zu konfrontieren. Medien und Technik ändern sich schnell, tradierte kulturelle (Lern-)Gewohnheiten hingegen nur langsam. Umso wichtiger ist es daher, bei Einführung eines solchen innovativen Elementes wie Portfolios, das nicht einfach als bekannt vorausgesetzt werden darf, in verschiedenen flankierenden Maßnahmen darauf hinzuweisen, was die Idee eines Portfolios ist, welche Intention damit verfolgt wird und was der Mehrwert im Hinblick auf das eigene Lernen ist. Eine Möglichkeit, die auch im Modellstudiengang Medizin ursprünglich geplant, aber anscheinend nicht konsequent umgesetzt wurde, wäre, Mentoren als Ansprechpartner einzusetzen. Generell wichtig wäre es jedenfalls, den gesamten Prozess zu begleiten und nicht nur zu Beginn des Semesters einmalig auf die Portfolios und ihre Funktion hinzuweisen.
Letztlich wird es aber in vergleichbaren Szenarien darauf ankommen, welche weiteren Maßnahmen ergriffen werden, die Lehre und die Lerngewohnheiten zu verändern, damit Studierende tatsächlich versuchen Kompetenzen zu entwickeln, statt wie so häufig in schier endlosen Klausurabfolgen ihren Credit Points nachzujagen. Portfolios können da nur ein Mosaikstein einer – hier sind wir ganz bei Gabi Reinmann – konsistenten Strategie sein.
Die Folien zum Vortrag von Frau Thomann können Sie hier anschauen und herunterladen.











